Balutschistan: Per Eskorte durch Pakistans wilden Westen

S0250782-3

Und da stellt sie sich wieder. Die Frage: „Wie komme ich nach Indien, ohne durch Pakistan zu müssen? „ Mit dem Schiff vom Oman nach Bombay? Zu teuer. Den ganzen Weg Durch Turkmenistan, Tajikistan, Kirgistan, Turkistan, Tibet und Nepal? Zu viele Visa. Viel zu teuer. Da habe ich meine Antwort: Augen zu und durch. Es geht nach Pakistan!

Mit den Worten: „Country over there very, very dirty and very, very dangerous too“ verabschiedet sich der Iranische Zollbeamte noch herzlich von mir. Auch eine Umarmung lässt er sich nicht nehmen. Er bietet mir sogar an, im Notfall auch ohne Visum wieder zurück in den Iran kommen zu können. Wie beruhigend! Die ersten Meter im für mich so neuen und unbekannten Pakistan verlaufen dann doch entspannter als erwartet. Freundlich werde ich gegrüßt, Tee und Kekse statt Gepäckkontrolle. Die Stimmung ist locker.

Siegessicher, mit Keksen im Bauch, Stempel im Pass – und einem fetten Bündel druckfrischer Pakistansicher Rupees in der Tasche, bin ich fest entschlossen, noch heute aus diesem staubigen Wüstennest wegzukommen. Doch daraus sollte nichts werden!

Tonight you’re our Guest, Sir!

Die örtliche Miliz hat mich aufgegriffen. Ich werde gebeten zum „Headquarter“ mitzukommen. Es gibt wieder Tee und Kekse und man teilt mir mit, dass ich für heute Nacht ihr Gast sei und wir dann morgen klären, wie es für mich hier weiter geht. „Na, da bin ich ja richtig weit gekommen heute!“, denke ich mir. Das Highlight der „Polizeistation“ war zweifellos das funktionierende Satellitenfernsehen.
Der Kompromiss zwischen BBC (Mein Wunsch) und Bollywood-Schnulze (Wunsch von allen anderen) war dann letztendlich „ Mr. Bean on Holidays“. Im Nachhinein gesehen schon ein witziges Bild: Sitzen 6 bärtige Typen mit Kalaschnikows und schusssicheren Westen mit einem Europäer in einer Lehmhütte und lachen sich auf Mr. Bean nen Ast ab.  :)

Balochistan Levies
Da die Zentralregierung in Islamabad keine wirkliche Kontrolle auf das Semi-Autonome Balutschistan hat, gibt es außerhalb der größeren Städte keine wirkliche Exekutive wie wir das kennen. Statt einer Polizei operiert hier eine Art Miliz, die sogenannten Levies, die ihren Ursprung in der Raj-Ära der Briten haben. Die Levies bestehen in der Regel aus Einheimischen aus den umliegenden Dörfern und setzen das aller-aller notwendigste Gesetz durch. Ein bisschen vergleichbar mit Sheriffs früher in den USA.

Checkpoint Charlie!

Am nächsten Morgen nimmt mein Plan, vom Grenzort Taftan wegzukommen, endlich Gestalt an. Allerdings nicht wie geplant, per Anhalter oder Bus, sondern per Eskorte! Zu Gefährlich sei es sonst. Ich bekomme bis zum Erreichen Quettas, der Hauptstadt Balutschistans, Personenschutz. Anweisung vom Innenministerium. Wow.

Warum der ganze Aufriß?
In der Vergangenheit kam es in Baluschistan, vor allem im pakistanischen Teil, immer wieder zu Entführungen. Unter anderem ein Schweizer Ehepaar 2011, zwei Tschechinnen 2013 und zuletzt 10 Schüler im Mai 2015. Außerdem kommt es immer zu Übergriffen und Sprengstoffattentaten auf Busse, in denen Schiiten in den Iran pilgern. Um zu verhindern, dass Touristen hier zu Schaden kommen, und das dabei verbundene Mediale Echo, setzen die hiesigen Sicherheitsbehörden die Sicherheitsregelungen sehr restriktiv um, um etwaige Zwischenfälle zu vermeiden.

Nichtsdestotrotz, die 700km lange Strecke zwischen Taftan und Quetta zählt landschfltich zu den schönsten der Welt. Sie führt südlich der Afghanischen Grenze durch die die Lut -Wüste, vorbei an Kandahar und schließlich entlang der Chagai-Höhen nach Quetta, von wo es dann entweder weiter durch den Sindh nach Karachi, oder durch die Berge weiter in den Punjab nach Lahore und schließlich nach Indien geht. Vor den beiden Afghanistan-Kriegen war diese Route einer der ganz großen Roadtrip- Klassiker und vor allem bei Hippies auf Ihrem Weg zu den Stränden Goas beliebt.

Nun. Bei mir geht es im Jahr 2015 ein bisschen weniger entspannt zu. Etwa 25 Militär- Kontrollposten sind auf der Strecke zu passieren. Das Prinzip ist denkbar einfach. Zum Checkpoint fahren, Passkontrolle, Tee trinken, für Fotos posieren, Fahrzeugwechsel – und weiter zum nächsten Checkpoint. Wieder Passkontrolle, noch mehr Tee trinken, dutzende Fotos knipsen – und so weiter und so fort. Drei Tage lang.
Bei den vielen Kontrollposten und Fahrzeugwechsel, komme ich mit so einigen Levies ins Gespräch. Doch die Sprachbarriere ist in diesem Teil der Welt ist so gewaltig hoch, dass wir oft nicht viel weiter als über das hier übliche Grundschema hinauskommen:

„Where you from?“
„Germany“
„What’s your father’s name?“
„….?!?! “
„How old are you?“
„25“
„You married?“
„No“
„You 25 and not married?“
„Yes“
„… How many brothers you have?“
„No brother. But three sisters“
„No Brother??? Three sisters???“

Fünfundzwanzig, nicht verheiratet, keinen einzigen Bruder und dafür gleich noch drei Schwestern!
Für die meisten Balutschen ist das zu viel des Guten :-)

Faszination Afghanistan

Die Fahrten zwischen den einzelnen Kontrollposten dauern manchmal Stunden. Und in diesen vielen Stunden zieht ein unbeschreiblich großes Nichts an mir vorbei, die schier endlosen Sanddünen, karge, schneebedeckte Bergketten, klare, tiefblaue Himmel. Aus Straßen werden Feldwege, und aus Feldwegen werden Sandpisten. In den drei Tagen passieren wir gerade einmal ein halbes Dutzend Dörfer. Siedlungen, aus nicht viel mehr bestehend als ein paar Lehmhütten, einer Dattelpflanzung und einer Karavanserei. Kein Strom, kein Gas, kein Beton, keine Jeanshosen, nichts von all dem, was in unserer Welt als selbstverständlich gilt. Als wir dann unterwegs noch ein paar afghanische Jungs aufladen und zur Schule ins nächste Dorf mitnehmen, wird mir schließlich klar, was diese vielen Abenteurer immer wieder dieses Staubige Ödland rund um den Hindukusch zieht. Es ist diese Exotika, dieses so Andersartige – und eben genau dieses öde NICHTS, was so faszinierend und einmalig ist. Aber wahrscheinlich muss jeder selbst seine Erfahrungen hier machen, um dieses Gefühl nachzuvollziehen.

Nach zwei Tagen Fahrt und Übernachtung in Dabandin, einer Kleinstadt auf halber Strecke, kommen wir endlich in Quetta an. Ein wuseliger Schmelztiegel aus Balutschen, Afghanen, Paschtunen, Panjaben, Sindh und Persern. Hier trifft sich der nahe Osten mit Zentralasien und dem Indischen Subkontinent. Ein heißes Pflaster: Für meinen morgendlichen Basargang werden mir nicht ein- oder zwei Polizisten zur Verfügung gestellt. Nein, ganze FÜNF! Allesamt mit geladenen AK-47 bewaffnet. Ich kann wirklich nicht behaupten, dass mir in Gegenwart meiner Begleitung die Obstverkaufter auf dem Basar überzogene Preise abgezogen hätten. Wie das wohl bei Frau Merkel abläuft, wenn die mal in der Uckermark  auf den Wochenmarkt will?

Nach drei Tagen und verschiedenen Behördengängen, darf ich schließlich Quetta verlassen. Es geht mit dem Zug gen Lahore, das schlagende Herz Pakistans. Von hier aus ist es wieder verhältnismäßig sicher.

This Post Has Been Viewed 667 Times

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Blogschau: Juli 2015 - Weltreiseforum: Die Informationsquelle für Individualreisende

  2. Starker Text, Daniel.
    Sehr vielen von dem, was du beschreibst, haben wir auch erlebt. Belutschistan ist unglaublich faszinierend. Wie es wohl damals in den 70ern mit all den Hippies gewesen sein muss?

    • Tja Morten, für manche Sachen sind wir wohl einfach zu Jung! Mein alter Nachbar in München war 1973 mit dem Bulli im Iran und Afghanistan unterwegs – und ja, er ist immer noch ständig am schwärmen ;)

  3. Hai Daniel, bisher bin ich nur ein „stummer Leser“ gewesen und habe mich immer gefreut, wenn meine Tochter neues von Dir zu berichten wusste. Ich finde diese Webseite im wahrsten Sinne einmalig und freu mich schon auf die nächsten Eindrücke von Dir. Weiterhin eine gute Reise und viel Glück bei den neuen Herausforderungen. Grüße aus dem Hessenland

    • Ich danke dir Doris! Ich bleibe am Ball und versuche, so weit es geht, in Zukunft auch etwas frequentierter Beiträge zu schreiben. Der Fokus wird dann in nächster Zeit weiter auf Pakistan und Indien liegen :)

  4. He doni. Hammer text. Und so informativ recherchiert. Selten so was schönes gelesen. Absolut hohes Niveau.
    Zu den bildern: wie aus der geo :-) einfach schön.

    Danke dir für die mühe!

    LG und gute reise
    Tom preisi

Schreibe einen Kommentar