Im alten Mardin – Wo die Türkei aufhört, türkisch zu sein

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Ich sitze auf der Kuppel einer Moschee. Döse vor mich hin, während mir die warmen Sonnenstrahlen ins Gesicht scheinen. Friedliche Stille, schöne, heile Welt. Alles ist in Butter. Scheinbar zumindest. Am Horizont zu sehen: Die Grenze zu Syrien. Ein Land, in dem seit Jahren ein blutiger Krieg tobt. Und alles was die Menschen hier vom Krieg trennt, ist das Glück, zufällig auf der richtigen Seite der Grenze zu leben. In Mardin lerne ich, den nahen Osten zu verstehen.

Ich beschließe noch einen letzten Stopp in der Türkei einzulegen, bevor es weiter in den Iran geht. Ganz in den Südosten soll es gehen, in die Kurdengebiete, nach Mardin, im türkischen Teil Mesopatimiens.

In Mardin angekommen, lassen die Menschen und ihre Kultur wahrlich nicht lange auf sich warten. Prompt werde ich zum essen eingeladen – und schwupps, sitze ich nicht mehr wie gewohnt an einem Tisch, sondern auf dem Fußboden – auf einem alten kurdischen Nomadenteppich. Keiner spricht mehr türkisch, sondern kurdisch. Die Männer tragen weite Hosen und merkwürdige Mützen, zum essen gibt’s Dolma, mit Reis und Lamm gefüllte Weinblätter. Der Tee serviert, ganz kurdisch, ohne Blätter im Glas. Bin ich wirklich noch in der Türkei?

Aber nicht nur Kurden leben hier. Kulturelle Diversität hat hier in Mardin lange Tradition. Die uralte Stadt an der Seidenstraße hat schon viele Völker kommen und gehen gesehen. Römer, Christen, Türken, Kurden, Yesiden oder Araber. Auch wenn die meisten wieder gegangen sind, ein paar blieben dennoch immer hier.

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Vor allem morgens, wenn ich durch die engen, verwinkelten Gäßchen des Basars schlendere, um meiner Tee und Pistazien einzudecken, fallen sie mir besonders auf. Menschen, die aus aller Herren Länder des nahen Ostens kommen. Die Kurden in ihren weiten Hosen, orthodoxe mit Kippas auf dem Kopf und dicke, alte Araber, die Kufiyas tragen. Zwischen hier und Istanbul liegt nicht nur ein ganzes Land, sondern Welten. Spätestens hier in Mardin hört die Türkei auf, wirklich türkisch zu sein.

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Ich setze mich neben einen der vielen Obststände, nasche Pistazien und beobachte den Alltag der Leute hier. Spätestens als ich den Gemüsehändler sehe, wie er fluchend versucht seinen bockigen Esel zum laufen zu bringen, wird mir klar, dass sich die alltäglichen Problemchen doch über all auf der Welt doch ähnlicher sind als wir denken.

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Wegen seiner unmittelbaren Nähe zum Irak und Syrien und der seit Jahren andauernden Bürgerkriege in beiden Ländern, kamen viele Syrer und Iraker in den letzten Jahren nach Mardin. Die meisten von ihnen Flüchtlinge, die auf ein besseres Leben in der der Türkei oder Europa hoffen.

Einer von ihnen heißt Khaled. Khaled ist 17 und kommt aus Syrien. Seine Familie ist vor zwei Jahren wegen des Krieges von Syrien in die Türkei geflohen. Da da das Geld der Famillie vorne und hinten nicht reicht, arbeitet er neben der Schule für einen Hungerlohn als Page in einem Hotel.
„Als Syrer hast du es nicht leicht in der Türkei“, so erzählt er. „Für die gleiche Arbeit, für die ein Türke vierhundert Lira verdient, kriegt ein Kurde zweihundert – und als Syrer siehst du davon noch nichteinmal hundert“. Ähnliche Geschichten hörte ich schon ein paar Wochen zuvor von Kurden in Istanbul und Ankara. Ausbeutung und Schwarzarbeit haben in diesen Zeiten scheinbar Hochkonjunktur in der Türkei.

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Gemeinsam gehen wir den Berg hinauf und klettern auf das Dach der Zinciriye-Medresem, direkt unterhalb der alten Festung. Von hier oben hat man den besten Ausblick, so Khaled. Als wir oben ankommen, traue ich meinen Augen nicht. Die Luft ist klar. So klar, dass ich das Gefühl habe, hunderte Kilometer weit sehen zu können.
Dazu absolute stille. Alles wirkt so friedlich, dass ich wirklich Mühe habe, mir vorstellen zu können, dass nur dreißig Kilometer von hier täglich Menschen im Krieg umkommen.

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Mardin ist für mich persönlich nicht nur der schönste Ort, den ich in der Türkei gesehen habe, sondern auch der bei weitem Interessanteste. Es zeigt, dass Regionen und Kulturen nicht einfach an Staatsgrenzen halt machen. Beweist, dass es im nahen Osten nicht nur ein gegeneinander gibt, sondern auch ein miteinander. Macht aber auch klar, wie Nah sich Krieg und Frieden sein können.
Es lässt mich mehr denn je dankbar sein, im einem Teil der Welt zu leben, in dem Wohlstand und Frieden herrscht und erinnert mich, genau das als nicht selbstverständlich zu sehen.

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